Wüstenwachstum

Zu Gast in der Stadt der Superlative

5. Mai 2014Niklas Spitczok von Brisinski

Ich habe Dubai in keiner guten Erinnerung behalten: 2007 bin ich auf einem Stopover 48 Stunden dort hängen geblieben. Ich hatte den Weiterflug nach Peking verpasst und mein Gepäck war aus unerklärlichen Gründen in Frankfurt geblieben. Mein Eindruck von damals: unglaublich viele unglaublich große Baustellen, Verkehrschaos und eine unfassbare Hitze. Kein Ort, den man freiwillig besucht.

Tut man dann aber doch: Vom 5. bis 7. Mai findet der PMI Global Congress EMEA 2014 in Dubai statt. Die Konferenz ist eine der größten Projektmanagementveranstaltungen weltweit und wird jährlich in wechselnden Städten in Europa, dem Mittleren Osten oder Asien durchgeführt. Mehr als 60 Referenten aus der ganzen Welt sprechen an drei Tagen über die gesamte Bandbreite des Projektmanagements: von Change Management im Kleinen über den Aufbau von Projektorganisationen bis hin zur Abwicklung von Megaprojekten dubaischen Ausmaßes. Ich bin für adesso mit einem Beitrag zum „Team Performance Index“ dabei. Es geht dabei um eine spezielle Anwendung unseres Teambarometers, das analog zur Earned Value Analyse einen dauerhaften Index zur Teamzusammenarbeit liefert. Mehr zum Teambarometer gibt es auf unserer PITPM-Website (für registrierte Benutzer kostenlos). Ich bin schon ganz gespannt, wie das Barometer beim multinationalen Publikum ankommt. Bisher setzen wir es nur im deutschsprachigen Raum ein.

Und Dubai ist dann doch mehr als nur Verkehrschaos und Hitze. Aus dem Chaos ist sehr reger, aber stetig fließender Verkehr geworden. Die fahrerlose Metro mit bereits mehr als 70 km Netzlänge transportiert ca. 1 Mio Menschen täglich. Die Hitze ist geblieben – die klimatisierten U-Bahnstationen und Bushaltestellen sind kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Auch wenn zum Teil einige Vorhaben „auf Eis gelegt“ wurden, muten geplante und umgesetzte Bauprojekte für deutsche Verhältnisse gigantisches an: diverse künstlich aufgeschüttete Inselwelten, der Wolkenkratzer Burj Khalifa oder der im Ausbau befindliche Dubai Al Maktoum International Airport, der auf mehr als 120 Mio Passagiere jährlich ausgelegt ist. Nicht alles funktioniert wie ursprünglich geplant: Beislpielsweise wird der neue Flughafen nur mäßig akzeptiert – aber immerhin hat Dubai den zweiten Flughafen schon. Geld scheint bei all den Projekten, eine eher untergeordnete Rolle zu spielen.

Dieses ungehemmte Wachstum ist aber auch so etwas wie das Schmiermittel der wahrhaft multikulturellen Gesellschaft. Die Vereinigten Arabischen Emirate und voran Dubai haben sich durch Kommerz der Welt geöffnet. Religion und Weltanschauung spielen keine Rolle, Menschen jeder Herkunft leben friedlich nebeneinander. Der Islam wird hier recht großzügig ausgelegt.

Das alles macht Dubai wirklich spannend. Heute beginnt die Konferenz. Natürlich mit Referenten aus der Region, die über das Management von Megaprojekten berichten.

Vom Großen ins Kleine: Mit dem Teambarometer in der Wüste

Der erste Tag setzt bei einem solchen Kongress eine Messlatte: Je besser die ersten Vorträge, desto schwieriger wird es für folgende Referenten, dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Gestern haben die Teilnehmer viel über die Megaprojekte in Dubai gehört: Die Expo 2020 wird für die nächsten Jahre das wichtigste Infrastrukturprojekt in der Region sein. Langsam stellt sich die Frage, was wohl danach kommen mag. Mit der derzeitigen Zero-Tax-Policy muss Dubai das Wachstum um 5% halten, damit die Wirtschaft nicht kollabiert.

Ein anderer Schwerpunkt sind große agile Projekte und deren Umsetzung. Der Scrum-Trend ist einem bewussteren Umgang mit agilen Elementen gewichen – ganz genau so, wie wir es in PITPM vorsehen. Dazu gab es einige Vorträge, die die Felder des Projektmanagements aus wissenschaftlicher Sicht betrachten.
Mit unserem Teambarometer wird es dann weniger visionär, sondern ganz handfest. Es ist ein echtes Werkzeug für Projektleiter & PMO und nimmt die Situation sowie die Entwicklung eines Teams auf. Angelehnt an das meteorologische Barometer kann es die Wetterlage im Team antizipieren und so die Stimmung über einen längeren Zeitraum mess- und vergleichbar machen. Dem Projektleiter stehen so zusätzliche Indikatoren zur Verfügung, die Aufschluss über die Teamperformance geben. Sie können frühzeitig reagieren und die Performance optimieren. Teammitglieder, die im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend agieren, werden ebenso beteiligt. Die wiederholte Befragung stellt sicher, dass der Projektleiter nicht nur einen Schnappschuss erhält. Entscheidend ist nicht nur das einzelne Ergebnis einer Umfragerunde, sondern der mittel- und langfristige Trend, der sich aus der Zeitreihe der Umfrageergebnisse ergibt. Die Befragung erfolgt anonym, um möglichst ehrliche Antworten zu erhalten. Wir nutzen in unseren IT-Projekten dieses Werkzeug gleichzeitig, um neben der Teamstimmung auch den Zustand des Projektes aus Sicht der Teammitglieder zu beleuchten. Mit Erfolg: Besonders in großen Projekten zeigen sich Fehlentwicklungen früher als mit anderen Key-Performance-Indikatoren. Das Teambarometer kann jeder kostenlos unter http://teampoll.de ausprobieren.

Die Session war mit über 80 Personen gut besucht und viele Teilnehmer haben sich zu bestimmten Fragen mittels TED (so etwa wie früher bei Wetten, dass…?) an der Präsentation beteiligt. Dabei hat sich auch gezeigt, dass sich die Art und Weise des Einsatzes von dem Teambarometer in den verschiedenen Kulturkreisen unterscheidet. Projektmanager aus Italien befürchten, dass die Kollegen nicht mitmachen. Eine indische Projektmanagerin würde weniger deutliche Statements stellen, wird es aber mal ausprobieren. Zwei amerikanische Kollegen schlugen hingegen gleich vor, die Bonuszahlung des Projektmanagers an die Ergebnisse zu koppeln. Das Teambarometer hat also auf jeden Fall für neue Eindrücke gesorgt.

Ambivalenz im Mittleren Osten

Mir klingeln die Ohren von Megaprojekten in der Wüste („World Expo 2020“), agilen Projektansätzen („Practising Agile in Large Projects…What Works and Does Not Work“), kritischen Erfolgsfaktoren im PMO („Do you really want your PMO to survice?“) und dem richtigen Umgang mit Projektretrospektiven („The Art and Science of Post Project Reviews“). Und dann war da noch der Vortrag über das Vorgehen einer Bergwacht in Kanada („A Matter of Life and Death: Risk Management Helps Search and Rescue“) – inhaltlich meist alles interessant, auch wenn die Themen oft das Projektmanagement nur am Rande streifen. Mit dem Teambarometer war ich da wohl doch etwas konkreter als die meisten Referenten. Und vielleicht etwas näher an der Basis, da „wo das Projekt passiert“.

Der PMI Global Congress in Dubai ging gestern zu Ende. Was bleibt ist eine gewisse Ambivalenz: zum einen bezüglich des Kongresses mit vielen interessanten Themen, die aber dann doch meist weniger „handfest“ als erhofft waren, zum anderen Dubai. Das ungehemmte Wachstum beeindruckt mich, wirft aber auch die Frage auf, wie das in 20, 30 oder 40 Jahren weitergehen soll. Aber das ist vielleicht auch ein sehr deutscher Charakterzug. Dann ist da noch die politische Situation: Die Vereinigten Arabischen Emirate sind keine Demokratie und trotz der liberalen Auslegung des Islam kann man als westlich sozialisierter Tourist nicht alles nachvollziehen.

Wenn Sie mehr über das Teambarometer wissen möchten, besuchen Sie die adesso-Website oder schauen Sie hier vorbei.

Niklas Spitczok von Brisinski Niklas Spitczok von Brisinski ist Leiter des Projektmanagement Office bei adesso und damit verantwortlich für die Etablierung und Durchsetzung von Projektmanagementstandards. Er ist vom PMI® zertifizierter Project Management Professional (PMP®), Mitglied im PMI® Chapter München und Certified Scrum Product Owner (CSPO) der Scrum Alliance.
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