Was Enterprises von Startups lernen können

30. August 2012Eberhard Wolff

Bevor das Startup Instagram für 1 Milliarde US$ an Facebook verkauft wurde, hatte die Firma 10 Millionen User für ihren Foto-Service und 100 Millionen Fotos – ganz ohne eigenes Rechenzentrum und mit lediglich drei Mitarbeitern für Entwicklung und Betrieb. Ein anderes Beispiel: Etsy – ein Marktplatz mit 5,7 Millionen Teilnehmern – rollt in einem Monat bis zu 371 Mal die Software für seine Website aus. Der dazu notwendige Prozess ist automatisiert und wird von 49 verschiedenen Personen angestoßen. Neue Features können so praktisch sofort live gestellt werden.

Viele Enterprises hingegen können nur einmal pro Quartal ein Update ihrer Software ausliefern. Produktivität wie bei Instagram und Flexibilität wie bei Etsy gibt es bei Enterprises nicht.

Bei Startups haben sich mittlerweile eigene Techniken und Technologien etabliert:

  • Startups nutzen die Cloud – dort stehen Server mit einem Mausklick zur Verfügung. Außerdem müssen sie so keine eigene Infrastruktur aufbauen und sparen Kosten.
  • Ein Server ohne die passende Software ist nutzlos – daher muss die Installation der Software ebenfalls vollständig automatisiert werden. Dieser Ansatz heißt Continuous Delivery und dient dazu, ständig neue Versionen der Software in Produktion zu bringen. Das ist das Geheimnis der vielen Deployments bei Etsy.
  • Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, muss das Zusammenspiel von Entwicklung (Development) und Betrieb (Operations) enger werden: Bei DevOps verschmelzen diese Einheiten zu einer einzigen.
  • Neue Software-Versionen benötigen neue Datenstrukturen. Relationale Datenbanken sind diesbezüglich oft ein Problem. Sie kommen mit neuen Strukturen nicht gut zurecht. Nichtrelationale NoSQL-Datenbanken sind in dem Bereich wesentlich flexibler und werden mit Änderungen an den Datenstrukturen sehr leicht fertig.
  • Außerdem können NoSQL-Datenbanken durch horizontale Skalierung auch große Datenmengen kostengünstig verarbeiten – man benötigt nur die entsprechende Anzahl an Servern. Für Angebote mit großen Datenmengen – wie Instagram und Etsy – ist das ideal.
  • Durch die Speicherung großer Datenmengen ist NoSQL auch eine gute Basis für Big Data – also die Analyse großer Datenmengen. So kann beispielsweise das Nutzerverhalten analysiert werden und so Angebote optimiert werden.

Bei Enterprise-IT stellt sich der Nutzen dieser Ansätze etwas anders dar:

  • Die Nutzung der Cloud ist oft für große Unternehmen nicht sinnvoll, da im Gegensatz zu den Startups bereits eine eigene IT-Infrastruktur existiert. Außerdem ist beispielsweise aus Gründen des Datenschutzes oft eine Nutzung der Cloud gar nicht möglich. Neue Server auf Mausklick sind dennoch machbar: Mit Virtualisierung. Sie wurde häufig nur zur Kostenreduktion eingeführt. Die Prozesse zur Bereitstellung von Servern sind dann oft noch manuell durchzuführen und langwierig – sie dauern nicht selten Wochen oder Monate. Erst mit der Automatisierung dieser Prozesse können Server auch in der Enterprise IT schnell zur Verfügung gestellt werden.
  • Damit ist die Basis für Continuous Delivery gelegt. Aber tägliche Deployments sind bei Enterprises nur selten sinnvoll. Dennoch gibt es signifikante Vorteile: Die Automatisierung durch Continuous Delivery reduziert auch das Risiko für das Roll-out eines Software-Projektes wesentlich. Das Vorgehen ist exakt wiederholbar und schon für Test- und Staging-Umgebungen genutzt worden. Die Auslieferung in Produktion ist also nur eine weitere Ausführung desselben automatisierten Prozesses und so nicht mehr sehr risikobehaftet. Außerdem können Testing- und Staging-Umgebungen durch die Automatisierung und Virtualisierung viel schneller zur Verfügung gestellt werden – oft auf Knopfdruck. Das wiederum führt zu Produktivitätsvorteilen bei der Software-Entwicklung.
  • Continuous Delivery ist auch eine gute Ergänzung für Agilität: Durch agile Prozesse wird Software in kurzen Iterationen erstellt. Das geschieht oft schneller, als der Betrieb sie installieren kann. So können 14-tägige agile Sprints auf Quartals-Releases treffen. Die Automatisierung kann schrittweise die Frequenz der Releases erhöht und so angeglichen werden. Dadurch sinkt das Risiko der Produktivstellungen weiter: Statt einer großen Änderung mit einem entsprechenden Risiko, gibt es mehrere, kleinere Produktivstellungen, die dann auch ein kleineres Risiko haben.
  • DevOps steht für die radikale Abkehr von der Aufteilung in Betrieb und Entwicklung. Das ist in Enterprises aufgrund der damit einhergehenden Organisationsänderung oft nur schwer umsetzbar, hat aber auch signifikante Vorteile: Statt Betrieb und Entwicklung kümmern sich die Teams um fachliche Themen, so dass der Fachbereich nur noch einen Ansprechpartner hat – eine wesentlich bessere Kundenorientierung. So oder so müssen Betrieb und Entwicklung immer kollaborieren – zumindest für die Produktivstellung von Anwendungen. DevOps gibt dazu Leitlinien und Ideen.
  • Die Nutzung von NoSQL wird auch im Enterprise aufgrund der besseren und kostengünstigen Skalierbarkeit und der flexibleren Datenmodelle relevant werden. Allerdings werden die relationalen Datenbanken nicht ablöst werden – auch sie haben Stärken: Beim Reporting, bei der Unterstützung für Transaktionen und bei allem, was einfach in Tabellen dargestellt werden kann. NoSQL hat die Stärken eher bei der kostengünstigen Unterstützung großer Datenmengen und bei flexiblen Datenmodellen. Zudem sind die Lösungen meistens Open Source.  Daher werden vor allem Enterprises in Zukunft eine polyglotte Persistenz nutzen – also verschiedene Datenbanken für die unterschiedlichen Systeme und Anforderungen. Neben relationalen Datenbanken kommen auch die verschiedenen NoSQL-Systeme in diesen Mix.

Also können auch Enterprises von den Ansätzen der Startups profitieren – wenn auch die Nutzung und die Prioritäten anders sind. In punkto höhere Flexibilität und Produktivität können gewachsene Unternehmen in jedem Fall von Startups lernen – oder wie sehen Sie das?

Wir sind der Meinung, dass diese Aspekte Enterprise IT nachhaltig verändern werden. adesso hat dafür den Begriff „New School of IT“ geprägt. Wir helfen Ihnen gerne dabei, die Möglichkeiten dieser Ansätze für Ihr Unternehmen zu bewerten. Ich freue mich auf Ihre Meinung und Fragen zu diesem Konzept.

Eine aktuelle Präsentation zum Thema vom Herbstcampus 2012 finden Sie hier:

Eberhard Wolff Eberhard Wolff ist Architecture & Technology Manager bei adesso.
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