Von flexiblen Bahnschranken und finanziellen Leitplanken: feste Budgets in agilen Softwareprojekten

22. Mai 2014Prof. Dr. Volker Gruhn

Was sorgt für schlanke Software? Wie können alle Beteiligten auf dieses Ziel verpflichtet werden? Shared-Pain-/Shared-Gain-Modelle sind die Antwort. Das sind Modelle, die die genannten Mechanismen umsetzen und den Gesamtfokus auf die oben geforderte schlanke Software legen.

Diese Aussage stand am Ende meines Beitrags „Softwareprojekte auf Diät: Schlanke Lösungen sind gefragt“. Mit dieser Aussage greife ich das Thema heute wieder auf: Was ist agile Softwareentwicklung? Und welche Preismodelle passen dazu? Denn in Unternehmen wird sich die agile Idee nur dann weiter ausbreiten, wenn das Thema „Budget“ zur Zufriedenheit aller gelöst werden kann.

Eine dreizehn Jahre alte Neuigkeit

Im Jahr 2001 war die IT-Welt noch eine andere: Die Windows Millenium Edition war das Microsoft-Betriebssystem der Stunde, iTunes noch Zukunftsmusik und Handys hatten eine echte Tastatur. Damals – im Februar 2001 – fassten einige Softwareenthusiasten Ideen und Praktiken der Entwicklung im „Agilen Manifest“ zusammen; der Beginn der schnellen Verbreitung agiler Konzepte. Die Idee dahinter: In kurzen Entwicklungszyklen werden funktionsfähige Releases veröffentlicht. Schritt für Schritt entsteht so eine neue Lösung. Eine radikale Abkehr von dem plangetriebenen Ansatz, bei dem Spezifikationen einer Software zu Projektbeginn vollständig erfasst und dann in einem epischen Entwicklungszyklus programmiert werden. Im Gegensatz dazu liefern agile Projekte schnell sichtbare Ergebnisse; das passt gut in eine Zeit, in der beispielsweise mobile Applikationen im Rhythmus weniger Tage oder sogar Stunden veröffentlicht werden.

Bei aller aktuellen Begeisterung für Agilität zeigt der Blick in die Unternehmensrealität: Was als agiler Tiger startete, endet häufig als plangetriebener Bettvorleger. Das Beharrungsvermögen von Personen und Prozessen erweist sich als zu groß. Aber eigentlich geht es für Unternehmen nicht um die Frage, ob agile Softwareentwicklung sinnvoll ist. Sondern nur darum, das geeignete Maß an Agilität zu finden. Denn ein Softwareprojekt zu 100 Prozent vorauszuplanen, ist schlicht unmöglich. Gesucht wird „gezähmte Agilität“.

Der Vorteil der agilen Entwicklung – zumindest aus Sicht von Kunden und Entwicklern: Das Projekt kann flexibel an neue Erkenntnisse, neue Prioritäten und neue Anforderungen angepasst werden.

Der Nachteil der agilen Entwicklung – zumindest aus Sicht von Einkauf und Controlling: Das Projekt kann flexibel an neue Erkenntnisse, neue Prioritäten und neue Anforderungen angepasst werden. Denn wie kann etwas, das nicht genau spezifiziert ist, genau bewertet werden?

Mit dem richtigen Preismechanismus.

adVANTAGE: Auftraggeber und Dienstleister in einem Boot

Spezifikationen, die nicht vollständig sind und trotzdem ein Preis für das ganze Softwareprojekt? Ohne aufwendiges Change-Request-Hin-und-Her? Das klingt ein wenig nach einer flexiblen Bahnschranke. Aber wenn Erfolg und Misserfolg in einem Projekt zwischen Auftragnehmer und –geber richtig verteilt werden – „Shared Pain / Shared Gain“ – ist es möglich, sich diesem Ziel zumindest anzunähern.

Ein konkretes Shared-Pain-/Shared-Gain-Modell ist unser adVANTAGE. Das funktioniert in der Praxis so: Zunächst muss der Auftraggeber seine Erwartungen – das heißt Zweck, Einsatzgebiet, Benutzer und vieles mehr – grob beschreiben. Daraus werden „User Stories“ abgeleitet. Diese definieren die zu entwickelnden Features zunächst nur unscharf. Sie reichen jedoch aus, um ein ungefähres Bild des Aufwandes zu erhalten, den die Implementierung umfasst. Pro Story wird der reine Entwicklungsaufwand geschätzt. Die Zusammenfassung aller Schätzungen ergibt ein vorläufiges, grobes Gesamtbudget und umreißt einen Zeitrahmen.

Dann bauen wir ein paar finanzielle Leitplanken auf, die dafür sorgen, dass alle Beteiligten den Weg in Richtung schlanker Software einhalten. Das kann in einem Projekt dann so aussehen: In unserem Beispiel umfasst das Projekt 1.000 Personentage, ein Tag Aufwand wird mit 1.000 Euro berechnet. Das kann nur eine Schätzung sein – siehe oben – und das wissen alle Projektbeteiligten auch. Deshalb einigen sie sich auf einen „Ungewissheitskorridor“: Wird das Projekt schneller als geplant abgeschlossen, erhält der Lieferant für jeden nicht geleisteten Tag zusätzlich 150 Euro. Wird mehr Aufwand benötigt, wird jeder zusätzliche Personentag für den Auftraggeber günstiger: Zwischen 1.001 und 1.200 Projekttagen kostet ein Personentag 800 Euro, zwischen 1.201 und 1.500 Personentagen 600 Euro, jenseits von 1.501 kostet er nichts. 100.000 Euro werden als Prämie gewährt, wenn 1.200 Personentage nicht überschritten werden. Die Prämie entfällt komplett, wenn das Projekt länger dauert.

Es lohnt sich also – für alle – schnell und schlank zu entwickeln.

Agile Festpreise sind ein neues Thema, auf allen Seiten wird noch viel Basisarbeit geleistet. Vieles ist noch in Bewegung. Und auch wenn sich adVANTAGE in der Praxis schon bewährt hat, ist das Konzept nicht in Stein gemeißelt. Intelligente Preismodelle, die Unternehmen und Dienstleistern dabei helfen, agile Festpreise für ganze Projekte zu definieren, werden sich weiter durchsetzen. Eine spannende Entwicklung, die wir hier im Blog weiterverfolgen werden.

Mehr über die Ideen der agilen Softwareentwicklung und adVANTAGE finden Sie unter www.New-School-of-IT.de.

Prof. Dr. Volker Gruhn Prof. Dr. Volker Gruhn gründete 1997 adesso mit und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats.
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