Visual Application Design

23. Oktober 2014Nils Koenigshofen

Eine der größten Herausforderungen in klassischen IT- und Software-Projekten ist mit Sicherheit die Kommunikation zwischen allen Beteiligten und das einheitliche Verständnis über die einzelnen Schritte und Ergebnistypen. Hierfür wurden schon etliche Methoden entwickelt und Verfahren eingeführt. Meist gehen jedoch unendlich viele Stunden an Abstimmungsmeetings ins Land, bis am Ende dann etwas entsteht, was man sich am Anfang „ein bisschen“ anders vorgestellt hat.

Gerade im Bereich von Web- oder Anwendungsoberflächen hat nach dem ersten Briefing jeder der Beteiligten schon ein grobes Bild seiner Erwartungen im Kopf. Da spielen eigene Präferenzen, moderne User Interfaces und nicht zuletzt auch das Interesse daran, seine Anforderungen an das Projekt priorisiert wiederzufinden, eine tragende Rolle. Bei mehreren Projektbeteiligten besteht somit die Gefahr, dass das Ergebnis nicht den verschiedenen Erwartungen aller entspricht. Der Weg der klassischen Web- und Softwareentwicklung birgt genau dieses Risiko: Auch wenn im Vorfeld Anforderungen, Spezifikationen, Agreements, technische Vorgaben etc. heruntergeschrieben wurden, liest doch jeder etwas anderes daraus und ein greifbares Ergebnis liegt erst nach längerer Entwicklungszeit vor.

Im Zuge der aktuellen „Agilisierung“ vieler Business-Prozesse hat sich auch im Bereich des Designs etwas getan: Im „Visual Application Design“ wird nach den ersten verschriftlichen Anforderungen und Spezifikationen des Projektrahmens direkt ein Wireframe oder ein Mockup entwickelt, das sofort ein klares Bild des zu erwartenden Projektergebnisses zeigt. Auch wenn hier noch keine echten Funktionalitäten und auch kein Corporate Design einfließen, hat man damit relativ schnell eine Diskussionsgrundlage für alle Beteiligten. Der Mockup oder Wireframe übersetzt in diesem Stadium alle technischen, fachlichen, vertrieblichen und marketingtechnischen Anforderungen in eine bildhafte Aufstellung, von der jeder sofort ein gleiches Verständnis hat.

Abbau von Barrieren und Ängsten

Das Zusammenspiel der verschiedenen Stakeholder bei der Applikationsentwicklung gestaltete sich schon immer schwierig. Letztlich wünschen sich aber alle eine schlanke, übersichtliche und nutzerfreundliche Oberfläche, die intuitiv bedienbar und modern ist.

Die Vorgehensweise des „Visual Application Design“ setzt genau hier an: Man zieht das Ergebnis einfach in nichtfunktionaler und abgespeckter Form vor, damit sich jeder wiederfindet und sofort im Kopf mit seiner Expertise die für ihn relevanten Informationen aus dem schemenhaft abgebildeten Ergebnis ziehen kann.

Alle sprechen nicht nur über das gleiche Ergebnis, sondern auch die gleiche Sprache.

Komplexe Strukturen und Abhängigkeiten in einem Screen

Jeder kennt das Prinzip: Bilder vereinen viele komplexe Strukturen und Mechaniken in einem kleinen simplen Objekt. Aktionen, die davon abgeleitet werden, und Voraussetzungen setzen sich aus Bekanntem und Gelerntem zusammen. So versteht beispielsweise jeder, was zu tun ist, wenn er ein Symbol mit einem „X“ findet – er kann einen Vorgang abbrechen oder ein Fenster schließen.

Fachspezifikationen (egal von welcher Abteilung ausgearbeitet) sind sehr komplex und sollen im Hintergrund Abhängigkeiten abbilden, die in einem linearen Dokument meist schlecht zusammenhängend dargestellt werden können. Dabei muss man leider oft gedanklich sehr springen und verlangt das gleiche dann auch vom Leser. Zudem sind Spezifikationen meist sehr umfangreich, da ist es oft schwierig, hinten etwas zu ändern, was auch in Relation zu Themen am Anfang steht. Das bedeutet dann gleich, dass man an allen Ecken etwas nachziehen muss – hier verliert man schnell den Überblick. Im „Visual Application Design“ wird nach den ersten Anforderungen schon mit realen Bildern und Masken gearbeitet, die relativ schnell zeigen, ob das, was man sich ausgedacht hat, auch funktioniert. Man setzt also schnell die Brille des Kunden oder Nutzers auf – was einen üblicherweise nachgelagerten Usability-Test schon in einem frühen Stadium einbeziehen kann.

Viele komplexe Abläufe, die in Fachspezifikationen über Seiten lang beschrieben werden, können in ein paar Masken visualisiert werden. Ein Beispiel: Upload von Daten. Hier reicht heute im Grunde ein einziger Button, der den Upload-Prozess in Gang bringt. Auch bei den klassischen Icons haben sich allgemeingültige Zeichen bewährt, die jedem sofort klar machen, was sich hinter dem Button verbirgt. Taucht das Symbol im Wireframe oder Mockup auf, übersetzt es jeder Stakeholder sofort für seinen Aufgabenbereich und hat direkt eine Vorstellung davon, was dort genau passiert.

Verortung im agilen Prozess

Findet die Oberfläche als Entwicklungstool relativ früh Einzug in den Projektablauf, dann hat sie auch eine agile Funktion – von ihr werden für die spätere Entwicklung wertvolle Erkenntnisse abgeleitet.

Basis:

  • Zieldefinition – was soll mit dem Projekt erreicht werden
  • Technische Basis – auf welcher Plattform / Basis / Endgerät / Technologie soll das Projekt umgesetzt werden
  • Basisanforderungen – was soll in dem Projekt passieren, was soll integriert werden, was sind die Kernprozesse, etc.

Sind diese Parts erstmal definiert, wird immer wieder bis zur vollständigen Darstellung / Abnahme der Wireframes der gleiche Prozess wiederholt:

  • Workshops mit Fachabteilungen / Spezifikationsrunden
  • Entwicklung von Mockups / Wireframes
  • Akzeptanztests in der internen Gruppe
  • Einarbeitung der Änderungen in die Mockups / Wireframes
  • Ableitung der Spezifikationen anhand des Designs

Visual Application Design

So entsteht entlang der Zielanwendung ein immer schärferes Bild der gesamten Applikation. Der Aufwand in der späteren Entwicklung wird stark minimiert, da in diesem ersten Stadium die Spezifikationen und die späteren User Interfaces schon den genauen Rahmen vorgeben. Also auch aus wirtschaftlicher Sicht eine Verschlankung des klassischen Softwareentwicklungsprozesses.

Was halten Sie von diesem Vorgehen? Haben Sie Fragen dazu oder möchten mir Ihre Meinung mitteilen? Dann freue ich mich auf Ihre Kommentare.

Nils Koenigshofen Nils Koenigshofen ist als Web Creative Expert verantwortlich für digitale Strategien, kreative Konzeption und Usability-Themen. In diesem Bereich ist er für verschiedene Kunden bereits für die Portalkonzeption und Strategieberatung im Versicherungs- und Public-Bereich tätig gewesen.
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