Usability Testing in agilen Projekten

Alles ist besser als nichts: Guerilla-Testing statt formaler Tests

17. September 2015Sabrina Kohlhase

Die Qualität der Bedienoberfläche einer Software entscheidet maßgeblich über die Nutzerakzeptanz und damit nicht selten über den Erfolg eines Projektes – denn die Bedienoberfläche ist oft das Einzige, das die Endanwender von der entwickelten Software wahrnehmen. Um die Qualität einer Benutzeroberfläche zu evaluieren, kommen Usability Tests zum Einsatz. Sie helfen dabei, Usability-Probleme aufzudecken, damit sie anschließend – möglichst frühzeitig – behoben werden können.

In vielen IT-Projekten kommen solche Tests erfahrungsgemäß jedoch zu kurz: Es fehlen Zeit und Budget, um Probanden zu rekrutieren, Usability Labs mit zugehörigem Equipment einzurichten und die formalen Tests zu planen, durchzuführen und auszuwerten. Usability Tests erwecken den Eindruck, eine „große Sache“ zu sein, die insbesondere in agilen Projektkontexten kaum zwischen die eng getakteten Sprints passen. Dies führt häufig dazu, dass sie erst viel zu spät oder nicht kontinuierlich genug eingesetzt werden.

Dabei eignen sich gerade agile Projekte, in denen am Ende jedes Sprints ein Stück lauffähige (sprich testbare) Software entsteht, um die Gebrauchstauglichkeit der Software mittels Usability Tests zu evaluieren. Agile Projekte beruhen auf dem Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung – um dies voll auszuschöpfen, sind Usability Tests gar nicht wegzudenken. In agilen Projekten mag für formale Nutzertests aus dem Lehrbuch nicht die Zeit vorhanden sein, aber diesbezüglich gilt: Auch wenn die Software mit abgespecktem Equipment und mit nur wenigen Probanden getestet wird, ist dies stets besser, als gar nicht zu testen.

Damit Usability Tests in agilen Projekten gelingen, sind einige Herangehensweisen zu beachten, die von dem formalen Vorgehen für Nutzertests abweichen.

Welche Tests eignen sich am besten?

Nicht alle Testverfahren lassen sich sinnvoll in die kurzen Entwicklungszyklen agiler Projekte integrieren. So sind z.B. quantitative Tests, bei denen eine große Anzahl von Testnutzern notwendig ist, um statistisch relevante Ergebnisse zu erzielen, in der Regel zu zeitintensiv. Dieser Aufwand stünde in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen, die man für ein neues Software-Inkrement, das oft innerhalb von nur zwei Wochen entwickelt wurde, erwarten kann. Zudem wäre der Auswertungsaufwand zu hoch, um die Ergebnisse pünktlich in den nächsten Sprint einfließen zu lassen.

Qualitative Nutzertests eignen sich hingegen gut für agile Projekte und können pragmatisch durchgeführt werden. Diese Herangehensweise ist auch als „Guerilla-Testing“ bekannt. Für solche Tests wird kein eigens präpariertes Labor benötigt. Das Equipment ist zweckmäßig; zwingend erforderlich sind lediglich ein Endgerät mit der zu testenden Anwendung, ein Testteilnehmer und ein Moderator. Insgesamt genügen bereits zwei bis drei Testpersonen, um die schwerwiegendsten Usability-Probleme aufzudecken. Auch auf die obligatorischen Video-Aufzeichnungen der Testsitzungen kann zu diesem Zweck verzichtet werden. Mit diesem Vorgehen können sämtliche Testaktivitäten an einem Tag durchgeführt werden und lassen sich so problemlos in die Sprints integrieren.

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Testen?

Usability Tests lassen sich zu Beginn eines Projekts durchführen. Während anfangs grobe Konzepte für die Informationsarchitektur und das Interaktionsdesign anhand von Mockups getestet werden, lassen sich die Szenarien später an der Software evaluieren.

Damit Usability-Befunde kontinuierlich aufgedeckt werden können, müssen die Tests als fester Bestandteil in die Sprints integriert werden. Um diese Etablierung zu vereinfachen, sollten die Tests stets zu einem festen Zeitpunkt stattfinden. Es empfiehlt sich, an einem festgelegten Tag – am besten zu Beginn eines Sprints – die Ergebnisse des vorangegangenen Sprints zu testen. Dieser Regeltermin erleichtert zudem die Rekrutierung der Probanden, welche nicht „just in time“ durchgeführt, sondern sorgfältig geplant sein sollte, damit die gewünschten Teilnehmer am Testtag zur Verfügung stehen.

Wie können die Testsitzungen ausgewertet werden?

Im Gegensatz zu formalen Usability Tests, in denen die Testteilnehmer nach dem Post-Session-Interview verabschiedet werden und die akribische Auswertung sowie Dokumentation beginnen, empfiehlt es sich im agilen Kontext, die Usability-Befunde am Ende der Testsitzungen unmittelbar auf einem Flipchart zu notieren. Die Testteilnehmer sind eingeladen, währenddessen anwesend zu bleiben und Input zu den Befunden zu liefern. So können lange Zeiten zwischen Test, Auswertung und Dokumentation vermieden werden. Dies ist essentiell, damit die Befunde inklusive der Optimierungsmaßnahmen schnell an die Entwicklungsteams herangetragen werden können. Lange Analysephasen und detaillierte Dokumentationen würden mit den eng getakteten Sprints kollidieren und die Usability-Befunde würden dem aktuellen Stand der Software immer weiter hinterherhinken.

Was tun mit den Ergebnissen?

Die aufgedeckten Usability-Probleme können in das Product Backlog aufgenommen und je nach Schweregrad des Problems priorisiert werden. Die besten Ergebnisse nützen jedoch nichts, wenn sie nicht auch in der weiteren Entwicklung Beachtung finden. Um dies sicherzustellen, sollte die Besprechung der Usability-Befunde fester Bestandteil eines jeden Sprints sein. Im Sprint Planning können die Teams die relevanten Optimierungsmaßnahmen direkt einplanen.

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Diese Tipps und Herangehensweisen sind natürlich nicht pauschal gültig. Je nach Projektkontext kann es z.B. sinnvoll sein, nur einmal pro Release einen Usability Test durchzuführen und diesen formaler zu gestalten. Dieser Beitrag soll den Usability Tests jedoch ihren vermeintlichen Schrecken nehmen und für die Durchführung solcher Tests in agilen Projekten plädieren.

Haben Sie auch Erfahrungen mit Usability Tests in agilen Projekten gemacht? Ich freue mich über alle Anregungen und Kommentare zu diesem Thema.

Sabrina Kohlhase Sabrina Kohlhase ist als Beraterin bei adesso tätig und legt ihre Schwerpunkte auf die Bereiche Requirements Engineering und Usability/User Experience Design. Besonders spannend findet sie, wie diese Disziplinen in agilen Projekten funktionieren.
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Kommentare

Johannes Müller 15. Oktober 2015 Website des Autors

Klasse Artikel, vielen Dank dafür!

Eine spannende Alternative zu den skizzierten Guerilla Tests können auch Usability Tests über Plattformen wie https://www.nutzerbrille.de sein.

Auch hier wird kein Labor benötigt, sondern die Teilnehmer führen den Test mit Hilfe einer Software komplett zu Hause durch.

Als Auftraggeber legt einfach in einem Formular die zu testende Webseite, Zielgruppe und Aufgaben fest und in wenigen Stunden stehen bereits die Videos vom Test bereit. Auch das lässt sich super innerhalb eines Nachmittags in den Sprint integrieren.

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