Über die Unvermeidlichkeit der Digitalisierung

15. Januar 2015Prof. Dr. Volker Gruhn

Experten bemühen gerne epische Vergleiche, um die Auswirkungen der Digitalisierung zu beschreiben. Regelmäßig müssen Buchdruck, Dampfkraft oder Elektrizität dafür herhalten, um die Dimension der Veränderung einzuordnen, in der wir gerade stecken. Wahlweise steht uns ein Paradigmenwechsel ins Haus, eine tektonische Verschiebung oder ein Quantensprung. Und disruptiv ist die ganze Entwicklung auch noch. Mindestens.

Schnell entsteht der Eindruck, einer Naturgewalt gegenüberzustehen. Einer Entwicklung, die wir nur mit offenem Mund bestaunen können, der wir ansonsten aber ausgeliefert sind. Ich bin davon überzeugt, dass dem nicht so ist.

industry 4.0 - 2014_04 - 01Digitalisierung hat vieles verändert und wird noch viel mehr verändern, daran gibt es keinen Zweifel. Aber Digitalisierung ist für Unternehmen ein Prozess, der gemanagt werden kann. Um dies tun zu können, müssen die Entscheider die Mechanismen verstehen, die der Digitalisierung zugrunde liegen. Sie sollten einschätzen können, wie diese Mechanismen in ihren Branchen wirken; welche Hebel für neues Geschäft sich ergeben, aber auch welche Angriffsmöglichkeiten sie für neue Wettbewerber bieten.

Was Digitalisierung nicht erlauben wird, ist eine
„weiter-wie-bisher“-Einstellung. Die Geschichten von Unternehmen wie Kodak zeigen, welche Macht in Nullen und Einsen steckt: 1888 brachte der US-Konzern die erste Kamera für Amateure auf den Markt, 2012 musste das ehemalige Dow-Jones-Schwergewicht Insolvenz anmelden. Zu lange hatte das Urgestein der Fotografie den Digitalkameratrend unterschätzt. Und stellte plötzlich fest: Unser analoges Geschäftsmodell, das über hundert Jahre erfolgreich war, wird innerhalb von ein paar Jahren vollständig durch einen digitalen Gegenentwurf ersetzt.

Schneller, einfacher, effizienter – überall und sofort

Wer aber löst diesen Digitalisierungsdruck aus? Wir. Wir als Kunden. Wir als Angestellte. Denn diese digitalen Gegenentwürfe zu klassischen Prozessen versprechen schnellere Prozesse, einfachere Abläufe, bessere Ergebnisse und günstigere Preise.

Jede Fahrt mit der Bahn oder jede Wartezeit am Flughafen ist angesichts der flächendeckenden Verbreitung und Nutzung von Smartphones inzwischen eine Feldstudie zum Thema „Mobilität  & Digitalisierung“. Mit großer Selbstverständlichkeit haben wir mobile Endgeräte in unseren Alltag integriert, über die noch vor 20 Jahren Science-Fiction-Autoren spekulierten. Unsere Erwartungen als Kunde oder Mitarbeiter haben sich, nicht zuletzt dank des permanenten Zugriffs auf Informationen, in Richtung „überall“ und „sofort“ verschoben. „Nicht verfügbar“ oder „später“ gegenüber zeigen wir immer weniger Toleranz, Zwischenschritte oder -händler halten wir häufig für überflüssig. Im Gegenzug sind wir bereit dazu, eine Menge über uns zu verraten: Aufenthaltsort, Einkaufsgeschichte, Freunde, sogar unsere private Kommunikation.

Diese Erwartungshaltung übertragen wir auf immer neue Bereiche. Wir wollen das gekaufte Buch sofort lesen: Kindle. Wir wollen überall auf unsere Dokumente zugreifen: Dropbox. Wir wollen online problemlos bezahlen: Paypal. Wir wollen direkt mit dem Vermieter unserer Ferienwohnung reden: airbnb.

Wenn Maschinen miteinander reden und real mit digital verschmilzt: Neue Geschäftsmodelle sind gefragt

Die spannenden Fragen sind: Was werden wir morgen wollen? Und was sind wir bereit, dafür preiszugeben? Unser Fahrverhalten, unsere Essgewohnheiten, unsere Krankheitsgeschichte? Welche Branche, die sich heute noch fern der Digitalisierung wähnt, wird dann plötzlich mit Startups oder High-Tech-Unternehmen konkurrieren? Denn Konkurrenz wächst immer häufiger jenseits der Branchengrenzen heran. Wer würde sich wundern, wenn Google verkündet, in den PKW-Markt einsteigen zu wollen? Wenn Amazon Versicherungsleistungen oder Apple Bankdienstleistungen anbietet? Uhren bauen sie ja schon.

Aber nicht nur wir Menschen sind überall online und permanent miteinander verbunden – auch Maschinen werden immer redseliger: der Gabelstapler spricht mit dem Hochregallager, der Mähdrescher mit dem Traktor, die Einspritzpumpe mit dem Analysegerät des Servicetechnikers. Neben „Mobilität“ sehen wir in dem, was mit „Industrie 4.0“ beschrieben wird, den zweiten großen Treiber der Digitalisierung. „Cyber Physical Systems“ werden die Grenzen zwischen der realen und der digitalen Welt weiter auflösen: Eingebunden in den schier unendlichen digitalen Datenfluss werden sich Materie und Bits immer ähnlicher verhalten.

Was auf den ersten Blick etwas philosophisch wirkt, wird unser aller Geschäft in Zukunft unmittelbar beeinflussen. Funktionen, Daten und Prozesse zu aggregieren und zu verknüpfen – egal aus welcher Quelle sie stammen – und in diesem Zusammenspiel die Grundlage für neue Geschäftsmodelle und Services zu entdecken, wird eine zentrale Managementaufgabe in Zeiten der Digitalisierung sein.

Software is eating the world“: Fünf Worte brauchte Marc Andreessen, Mitbegründer von Netscape und Internet-Urgestein, um die Entwicklung zu beschreiben, an deren Beginn wir gerade erst stehen. Eine gute Nachricht für alle, die verstehen, wie Software funktioniert. Eine gute Nachricht für die IT-Experten in Unternehmen. Denn sie werden in Zukunft ihr Wissen immer häufiger in Gebieten einsetzen können, die auf den ersten Blick mit Softwareentwicklung nur wenig zu tun haben.

Lassen Sie uns darüber reden, welche Auswirkung die Dynamik dieser Entwicklungen auf Sie und Ihr Unternehmen hat. Ich freue mich auf Ihre Fragen, Theorien, Anmerkungen,… zur Unvermeidlichkeit der Digitalisierung.

Prof. Dr. Volker Gruhn Prof. Dr. Volker Gruhn gründete 1997 adesso mit und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats.
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