Mobilitätsportale – oder der Weg ist das Ziel

Die Grenzen proprietärer Ansätze und das Potenzial hybrider Lösungen

8. November 2012Carsten Bovelet und Sven Brose

Obwohl es viele unterschiedliche und vielversprechende Entwicklungen gibt, um die menschliche Fortbewegung schneller und bequemer zu machen, fehlt ein „integriertes Mobilitätsportal“, das diese Entwicklungen miteinander vernetzt. Navigationssysteme, Online-Verkehrsauskünfte, Webseiten von verschiedenen „Verkehrsträgern“ –  von der Mitfahrzentrale über ÖPNV-Fahrpläne bis zu Flugportalen – sind unterschiedliche Ansätze, die als Dienste oder als Hardware verfügbar sind – allerdings in Form „loser Enden“. Auch Entwicklungen wie die autonome Steuerung von Fahrzeugen werden als separate Projekte vorangetrieben, das „große Ganze“, eine integrierte Sichtweise dieser Mobilitätsaspekte, ist jedoch nur rudimentär zu erkennen.

Die gesellschaftlichen Trends sind dagegen eindeutig: „Immer mehr junge Verbraucher verweigern sich einem starren Mobilitätskonzept“, so Prof. Dr. Claus Tully, Mobilitätsforscher am Deutschen Jugendinstitut1. Fortbewegung wird multimodaler und kleinteiliger stattfinden. Der Trend geht zu Nutzen statt Kaufen – die Möglichkeit, im richtigen Augenblick auf den richtigen Verkehrsträger zurückgreifen zu können, ist entscheidend. Car-Sharing oder Fahrradvermietungen gehören beispielsweise zum gängigen Bild in Großstädten. Es ist außerdem davon auszugehen, dass die Verkehrsströme weiter ansteigen werden.

Gleichzeitig ist ein Nutzer aber nicht daran interessiert, sich mit einer Fülle verschiedener Plattformen herumzuschlagen und mühevoll eine Reise zusammenzustellen. Vielmehr ist ein zentraler Anlaufpunkt gefordert, der die Verkehrsträger vernetzt und dem Nutzer gleichzeitig vielfältige Möglichkeiten zur Parametrisierung bietet.

Dies erfordert die Einführung vernetzter, intelligenter Lösungen. Ein Ansatz dazu wäre ein Mobilitätsportal mit klarer Orientierung an den Bedürfnissen der User.

Dieses müsste beispielsweise die folgenden Funktionen beinhalten:

  • Personalisierung, beispielsweise durch die Möglichkeit, Favoriten für den eigenen Weg zur Arbeit oder für Standardverbindungen mit Push-Service inkl. Berücksichtigung der aktuellen Situation zur Verfügung zu stellen
  • Anzeige aktueller Reisedauern (auch Verkehrsmittel-übergreifend)
  • Preisindikationen für die verfügbaren Verkehrsträger
  • Verbesserte Planungsmöglichkeiten, z.B. durch Schaffung einer übergreifenden Perspektive mit End2End-Planungen unter Einbeziehung aller Verkehrsmittel und ggf. mit zusätzlichen Service-Dienstleistungen wie standortbezogene Dienste
  • Anbindung weiterer Dienstleistungen wie Ticketshops oder Mitfahrzentralen

Zukünftig werden zusätzlich die Möglichkeiten zunehmen, mit dem Auto „mobil gesteuert“ unterwegs zu sein. Hier muss sich insbesondere die Automobilindustrie teilweise von ihren proprietären Lösungen verabschieden, um eine optimale Vernetzung sowie eine übergreifende Planung zu ermöglichen. Ein Mobilitätsportal kann dabei ebenfalls hilfreich sein, indem es folgende Services anbietet:

  • Reiseplanungsunterstützung in kooperativen Modellen/Fahrgemeinschaften (wer, wann, wo ?)
  • Hilfe im „Störungsfall“ und Tipps zu Unterwegs-Dienstleistungen (Essen, Trinken, Übernachtungen, Nothilfe)
  • Bonifikation gesteuerter Reisen (z.B. durch eigene Fahrspuren für Fahrgemeinschaften)

Insgesamt stehen nahezu alle Technologien hierfür schon zur Verfügung – allerdings in einem unterschiedlichen Reifegrad. Eine entsprechende Vernetzung wird jedoch noch vernachlässigt. Es gibt bereits erste Ideen, um nicht nur Breiten- sondern auch insbesondere Individualmobilität zu sichern.

Die Vernetzung muss also auf der Basis einer übergreifenden Portal-Lösung erfolgen, während die heutigen Verkehrsträger eher proprietäre und auf ihr Angebot zugeschnittene Angebote favorisieren. Hier ist zukünftig eine Trennung der spezifischen Angebote (z.B. der Zustand eines KFZ) und einem übergreifenden Mobilitätsportal erforderlich. Darüber hinaus sollte gezielt die Nutzung mobiler Endgeräte durch entsprechende Apps unterstützt werden – nur fehlt auch hier bislang der Standard.

Gefordert ist also der Blick über den Tellerrand. Der Vernetzungsgedanke muss vorangetrieben werden und mit einem ähnlichen Ansatz im Hinblick auf ein Portal verzahnt werden. Google hat mit dem Betriebssystem Android bereits die ersten Schritte in diese Richtung unternommen, indem Dienste auf unterschiedlichen Plattformen bereitgestellt und miteinander verknüpft werden. Auch Microsoft schlägt mit dem neuen Windows 8 diese Richtung ein.

Was halten Sie vom Konzept eines zentralen Mobilitätsportals? Welche Services und Funktionen müsste es Ihnen bieten? Wir freuen uns auf Ihre Meinungen und Ideen.

  1. Venture Capital Magazin Tech Guide 2012, Juli 2012
Carsten Bovelet und Sven Brose Carsten Bovelet und Sven Brose informieren im adesso-Blog regelmäßig über Trends und Lösungsansätze im Bereich Portale. Carsten Bovelet verantwortet als Managing Consultant bei adesso das Themengebiet Kundenportale im Versicherungsumfeld. Sven Brose ist Consultant bei adesso und beschäftigt sich vornehmlich mit Portalstrategien und Testmanagement.
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Kommentare

Matthias 8. November 2012

Tatsächlich sind oben beschriebenen, vernetzte Portale sehr wünschenswert. Besonders dann, wenn sie auch für Reiseabschnitte Alternativen finden und nicht nur der aktiven, sondern auch der reaktiven Planung (Zugausfall, Flugverspätung, Streckensperrungen, etc.) genügen.

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