Digitale Transformation: Augen auf und durch

12. Januar 2017Prof. Dr. Volker Gruhn

Die schlechte Nachricht zuerst, dann haben wir sie schon einmal hinter uns: Die Digitale Transformation ist noch nicht abgeschlossen. Entsprechend wird das Thema auch in den kommenden Monaten nicht aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Wir werden neue Studien lesen, neue Experten hören, neue Initiativen sehen. Politik, Gesellschaft, Forschung und Wirtschaft werden weiter um den richtigen Weg in eine digitalisiertere Zukunft ringen. Eine Diskussion, in die auch wir uns in den nächsten Monaten stärker einbringen werden.

Diesen Weg muss auch jedes Unternehmen für sich finden. Auf Basis seiner Märkte, Kunden und Wettbewerber, aber auch vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte, Organisation und Kultur. In dieser Gemengelage gilt es, die vielversprechenden digitalen Themen zu finden und zu besetzen – bevor ein anderer die Chance ergreift.

2017_01_11_Digitale_Transformation_Augen_auf_und_durchWir haben im letzten Jahr angefangen, unter dem Motto „Digitale Transformation: Wir machen das jetzt!“ Konzepte und Instrumente zusammenzustellen, die genau diesem Zweck dienen: um systematisch, umfassend und schnell einen Überblick über die eigene Situation zu gewinnen. Unser Whitepaper zu diesem Thema kann ich euch nur ans Herz legen.

Auch wir werden das Thema 2017 weiterspinnen. Ein Schwerpunkt wird dabei der Blick in die Praxis sein. Denn wenn wir sehen wollen, wie Unternehmen die Digitale Transformation angehen können, müssen wir nicht voller Panik ins Silicon Valley starren oder in Ehrfurcht vor IT-Giganten wie Apple oder Amazon verharren. In den vergangenen Monaten haben wir zahlreiche interessante, unkonventionelle sowie erfolgreiche Projekte gesehen und begleitet, die rund um die Themen der Digitalen Transformation kreisen, und das praktisch direkt vor unserer Haustür. Darüber werdet ihr in nächster Zeit mehr erfahren.

Technologie, allgegenwärtig wie Tapeten

Die Digitale Transformation wird sich also nicht so schnell aus den Diskussionen, weder der gesellschaftlichen noch der unternehmensinternen, verabschieden. Was aber – und es mag paradox klingen – immer mehr aus unserem Blickfeld verschwindet, sind Technologien.

Einerseits werden viele Anwendungen gar nichts Greifbares mehr haben. Siri, Alexa oder Cortana kennen keine Benutzeroberfläche mehr und benötigen keine Bildschirme. In ein paar Jahren werden ähnliche Assistenten, mit denen wir reden wie mit einem – zugegeben unsichtbaren – Menschen, in unseren Wohnungen und Büros so normal sein wie die Tapeten an den Wänden. Und so unauffällig. Sie sind immer im Hintergrund, hören zu und sind bei Bedarf zur Stelle. Unsere Umgebung wird intelligent. Ein Gedanke, an den man sich erst einmal gewöhnen muss.

Denn: Zwischen Zuhören und Belauschen ist ein schmaler Grat. Entsprechend groß sind an vielen Stellen die Bedenken gegen solche Systeme. Wenn diese Technologien ein Erfolg werden sollen, müssen Unternehmen mit überzeugenden Datenschutzkonzepten und überzeugenden Anwendungsbeispielen aufwarten. Dann aber ist das Potenzial riesig: Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie diese Technologie Patienten dabei unterstützt, länger selbständig in den eigenen vier Wänden leben zu können. Oder wie ein Wartungstechniker mit beiden Händen eine Maschine repariert und gleichzeitig mit der Bedienungsanleitung über die wahrscheinlichste Fehlerursache diskutiert.

Andererseits verweben Unternehmen IT-Systeme so eng mit den Abläufen in der realen Welt, dass sie bis zur Unkenntlichkeit in ihr aufgehen. Cyber-Physical Systems, über die wir schon häufiger berichteten, sind ein Beispiel dafür: Wo endet das reale System, wo fängt sein digitales Gegenstück an? Informationstechnologie verschwindet in Maschinen, Autos, Uhren, Kleidung, sogar in unserem Körper, und tut dort ihren Dienst. Wir sind jetzt schon umgeben von zahlreichen Systemen, die uns das Leben leichter machen wollen – und Unternehmen mehr Geschäfte bescheren sollen. In Zukunft werden es unzählige sein.

Denn jede Maschine, jedes Haushaltsgerät, jeder Pkw, der mit dem Internet verbunden ist, ist mehr als nur ein Gegenstand mit einer IP-Adresse. Für jeden dieser physischen Gegenstände ergeben sich neue Möglichkeiten, sind neue Prozesse denkbar, sind neue Geschäftsmodelle möglich. Das Digitale ist gerade dabei, das Reale mit einer Schicht zu überziehen. Die Daten, die hier fließen, und die Informationen, die Unternehmen hier gewinnen, sind der Rohstoff, der über den wirtschaftlichen Erfolg entscheidet.

HD für die Realität

Diese Verknüpfung des Realen und Digitalen verändert im wahrsten Sinne des Wortes unsere Wahrnehmung: Wo wir vorher eine Maschine sahen, deren Produktionsmenge pro Stunde wir kannten, sehen wir nun die Werte jedes eingebauten Motors, jedes Kolbens, jedes Sensors. Wo vorher nur ein anonymer Käufer von Joggingschuhen war, ist nun ein Sportler, dessen Trainingsgewohnheiten, Gewicht und Laufstrecke wir kennen. Wir können sogar seinen Herzschlag in Echtzeit verfolgen.

Dank der Digitalisierung sehen wir bereits so viel mehr Einzelheiten – aber häufig fehlt es noch an den richtigen Methoden, um das Gesehene auch zu verstehen. Das wird meiner Meinung nach eines der großen Themen der nächsten Zeit: Die Auswirkungen dessen besser zu begreifen, was uns all die neuen Technologien da zeigen. Wir alle müssen lernen, noch genauer hinzusehen und zu durchdenken, wie wir die neuen Erkenntnisse in neue Produkte, neue Services oder neue Prozesse gießen können.

Wir sind, trotz aller ungelösten Aufgaben, optimistisch was das Potenzial der neuen Technologien angeht. Mit ihnen werden Unternehmen weiter für bessere Produkte und Services sorgen, Ressourcen schonender einsetzen und ihren Mitarbeitern neue Möglichkeiten an die Hand geben.

Und deswegen möchte ich auch mit einer guten Nachricht enden: Die Digitale Transformation ist noch nicht abgeschlossen. Da geht noch mehr.

Welche Potentiale ergeben sich eurer Meinung nach in Zukunft durch die Digitale Transformation? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Prof. Dr. Volker Gruhn Prof. Dr. Volker Gruhn gründete 1997 adesso mit und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats.
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