Das Monster zähmen – Die digitale Revolution im Zeitungsmarkt

Teil 2: Tipps zur Umsetzung der digitalen Strategie

13. August 2015Uwe Lutter

Im ersten Teil „Von der Zeitung zur Marke“ habe ich den digitalen Wandel thematisiert, der die Zeitungsverlage in ihrer Existenz bedroht und den vermutlich nur diejenigen Unternehmen überleben werden, denen es gelingt, ihre gedruckten Zeitungen erfolgreich in digitale Marken zu transformieren. Die Verlage müssen den Spagat bewältigen, sowohl die Bedürfnisse der Digital Natives wie auch die ihrer printorientierten Leser überzeugend zu erfüllen.

Jetzt möchte ich den Blick auf die Umsetzung der digitalen Strategie richten. Für die Zeitungsverlage muss es im ersten Schritt darum gehen, ihre tradierten Geschäftsmodelle und Verlagsprozesse ohne Scheuklappen und ohne kulturelle Animositäten auf den Prüfstand zu stellen und für ihre Community eine überzeugende digitale Strategie zu entwickeln. Hierfür ist gleichermaßen Technologie- und Fachwissen erforderlich, das sich in der Regel auf mehrere Personen verteilt. Das Dilemma dabei ist, dass die beiden Lager, das der IT-Experten und das der Zeitungsleute, nicht besonders kommunikationskompatibel sind.

Die digitale Verlagsstrategie im Interaction Room erarbeiten

Genau an diesem Punkt, nämlich Fach- und IT-Experten in einen konstruktiven und ergebnisorientierten Dialog zu bringen, setzt der Interaction Room an. Der Interaction Room (IR) ist ein realer Raum, an dessen Wänden die Teilnehmer unter Anleitung eines IR-Moderators verschiedene Aspekte eines Projekts gemeinsam gestalten.

Die einfachen Instrumente und die nicht IT-orientierte, visuelle Darstellung im Interaction Room schaffen ein Umfeld, in dem die Beteiligten wichtige Themen auf einen Blick erkennen und verstehen. Die Stakeholder der verschiedenen Disziplinen werden dabei zu einem Team, das aus den unterschiedlichen Ideen, Wünschen und Technologien einen abgestimmten Anforderungskatalog erarbeitet.

Blog

Abbildung 1: Visualisieren von Prozessen im Interaction Room

Nachdem die digitale Verlagsstrategie festgelegt ist, wartet bereits die nächste Herausforderung: Die schrittweise Umsetzung der digitalen Strategie im laufenden Geschäftsbetrieb. Produktionsprozesse und Verteilkanäle müssen umgebaut, neue digitale Plattformen realisiert oder neue Abrechnungsmodelle implementiert werden.

Dies erfordert ein iteratives Vorgehen, das das schnelle Ausliefern einzelner Änderungen, aber auch das Korrigieren nicht optimaler Teillösungen erlaubt. In der Entwicklung haben sich hierfür agile Vorgehensweisen – wie Scrum – bestens bewährt. Um ein sogenanntes „Continuous Delivery“, also das schnelle Ausliefern einzelner Entwicklungsergebnisse zu ermöglichen, sollte der gesamte IT-Bereich nach DevOps-Regularien organisiert sein.

Umsetzung mit Continuous Delivery und Docker

Continuous Delivery ist besonders effektiv, wenn die Voraussetzungen nicht nur in der Organisation, sondern bereits in der Software-Architektur geschaffen werden. Die Software-Systeme sollten sich dafür aus möglichst lose gekoppelten Komponenten zusammensetzen, von denen jede für eine klar definierte Task steht. Die Kommunikation und Interaktion zwischen den Komponenten erfolgt idealerweise sprachneutral und statuslos.

Wir haben hierzu sehr positive Projekterfahrungen mit einer Microservice-Architektur auf Basis von Docker gemacht. Bei Docker wird jede Komponente in einem Linux-Container isoliert, der neben der Komponenten-Implementierung auch deren komplette Laufzeit- und Konfigurationsumgebung enthält. Dies ermöglicht ein weitgehend automatisiertes Deployment der Komponenten, ohne Gefahr von Seiteneffekten durch unterschiedliche Systemumgebungen in der Entwicklung, im Test oder in der produktiven Umgebung.

Docker-basierte Microservices sind zudem eine hervorragende Basis für die dynamische lastabhängige Skalierung. Gerade im Nachrichtenmarkt kommt es ja im Zuge von Breaking News immer wieder mal zu unvorhersehbaren Lastspitzen. Über spezielle Lösung lassen sich Docker-Instanzen bedarfsgetrieben dynamisch in der Cloud organisieren.

Da jede Docker-Komponente ihre eigene Datenbankinstanz besitzen kann, lässt sich für jede Teilfunktionalität des Systems der am besten geeignete Datenbanktyp auswählen. Dies kann im einen Fall eine klassische SQL-Datenbank sein und ein anderes Mal ein noSQL-System, wie etwa MongoDB. Die Kommunikation zwischen den Microservices kann als REST-Schnittstellen realisiert werden. Alternativ kann aber auch eine Message-orientierte Middleware (MOM) genutzt werden, zum Beispiel auf Basis des AMQP-Protokolls.

Blog_

Abbildung 2: Architekturmuster für digitale Marken (Verlagsportal)

Auch Verlagsangebote müssen mobil sein

Jetzt fehlt noch ein wesentlicher Aspekt in der Umsetzung der digitalen Strategie. Unsere digitalen Marken sollen schließlich auf möglichst vielen Endgeräten nutzbar sein, angefangen vom PC, über Tablets bis hin zum Smartphone. Zugleich sollte den Nutzern eine möglichst attraktive User Experience geboten werden.

Hierfür hat sich AngularJS als gute Wahl erwiesen. AngularJS ist ein Javascript Framework, das die Entwicklung von Single Page Applications unterstützt, also von Anwendungen, bei denen das gesamte Frontend aus einer Seite besteht. Fehlende Informationen werden bei Bedarf über Ajax nachgeladen.

Ein großer Teil der Anwendung läuft hier als Javascript Code auf dem Endgerät des Benutzers. Dadurch nutzt die Anwendung die verfügbare Rechenkapazität des Endgeräts besser aus. Der Benutzer bekommt so eine reaktionsschnelle Anwendung, deren Look-and-Feel dem nativer Client-Anwendungen sehr nahe kommt. Durch den zusätzlichen Einsatz eines CSS-Frameworks wie Bootstrap lässt sich ein Responsive Design realisieren, bei dem sich die Website automatisch an die Dimensionen und Eigenschaften des jeweiligen Endgeräts anpasst.

Die vielfältigen Möglichkeiten, Architekturaspekte und Design-Überlegungen zur Umsetzung der Digitalisierungsstrategie von Zeitungsverlagen lassen sich im Rahmen eines Blog-Artikels natürlich nur punktuell und unvollständig darstellen. Es sollte aber deutlich geworden sein, dass es erprobte organisatorische und methodische Ansätze gibt, die in Verbindung mit einer geeigneten Software-Architektur den Umbau von Zeitungsprodukten in digitale Marken beherrschbar machen.

Uwe Lutter Uwe Lutter leitet seit 2014 das Java-Competence-Center der adesso AG in Hamburg. Zuvor war er IT-Leiter im Konzern der Deutschen Presseagentur (dpa).
Artikel bewerten:
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
Loading...

Kommentar hinzufügen:

Ihr Kommentar: