Agile Projekte in gesetzlichen Krankenkassen?

Warum der Einsatz agiler Methoden nicht nur in Softwareentwicklungsprojekten von Nutzen sein kann

6. November 2014Maik Howorka

Die gesetzliche Krankenversicherung ist mit mehreren hundert Milliarden Euro Ausgaben ein großer Bereich in der deutschen Wirtschaft. Sich ständig ändernde gesetzliche und wettbewerbliche Rahmenbedingungen stellen dabei unternehmerische Herausforderungen an die Krankenkassen und deren Solidaritätsprinzip. Die Kostenträger stehen in einem politisch gewollten Wettbewerb zueinander, wodurch sie in verschiedenen Spannungsfeldern stehen. Sie sind gezwungen, dem Kunden, dem Wettbewerb und dem Wandel flexibel und mit kürzeren Reaktionszeiten zu begegnen. Gleichzeitig sind die Akteure an Kostenreduzierung und Qualitätserhöhung interessiert.

Um dem gerecht zu werden, bilden die internen Fähigkeiten und Ressourcen der Organisation Krankenkasse eine entscheidende Basis [Meckel 2010]. Einen nicht unwesentlichen Teil dieser Ressourcen nimmt der Bereich IT ein, der wiederum Einfluss auf Prozesse und Strukturen der gesetzlichen Krankenkassen hat. Bestandssysteme, die teilweise Millionen Versichertendaten verwalten, aber auch neue Vertriebswege und Produkte oder einfach nur die Infrastruktur für die Mitarbeiter, müssen entwickelt, gewartet und betrieben werden. Auf der einen Seite werden diese Systeme immer teurer und komplexer, auf der anderen Seite ist für den Erfolg des Unternehmens ein schnelles Time-to-Market wichtig. Deshalb werden Projekte durchgeführt. In Krankenkassen sind das beispielsweise folgende Projektarten:

Agile Projekte in gesetzlichen KrankenkassenAbbildung 1: Anteil Projektarten in Krankenkassen (Quelle: Eigene Darstellung)

Gleichwohl der Begriff der Agilität vorzugsweise mit Frameworks in der Softwareentwicklung in Verbindung gebracht wird, bezeichnet dieser jedoch moderne und vor allem dynamische Methoden in der Organisationslehre. Entgegen klassischen Ansätzen ist das Ziel der Agilität eine leichtgewichtigere Vorgehensweise. Im Zentrum steht dabei nicht die strikte Umsetzung von Anforderungen. Vielmehr wird versucht, sich den stetig ändernden Kundenwünschen anzupassen und nicht planungsgetrieben an alten Konzeptionen festzuhalten [Hanser 2010].

Die Notwendigkeit in der Nutzung agiler Methoden liegt in den Aufgaben, die den IT-Abteilungen in Unternehmen zukommen. IT hat zur Wertsteigerung beizutragen. Letztendlich geht es um Innovation, Produktivität und Effizienzsteigerung der IT- oder Unternehmensprozesse – bei gleichzeitiger Kostensenkung.

Gesetzliche Krankenkassen haben ihr Handeln dem Prinzip der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit unterzuordnen [Moos, Brüggemann 2010]. Konträr dazu spielt die Dynamik und Komplexität technologischer Entwicklungen eine wichtige Rolle in der GKV [Meckel 2010]. Das Spannungsfeld zwischen Notwendigkeit und Kosten in der IT zeigt die hohen Anforderungen an die IT-Bereiche bzw. -Projekte in den Krankenkassen. Es gilt moderne Konzepte für das Projektmanagement zu nutzen, um schonender mit den Ressourcen eines strikt geplanten Haushaltes umzugehen. Dafür eignen sich insbesondere agile Methoden.

Die Nutzungsmöglichkeiten agiler Vorgehensweisen sind vielfältig. Gerade dann, wenn es sich um innovative und iterativ erreichbare Aufgabenstellungen handelt, ruft Agilität wahrnehmbare Effekte auf die durchgeführten Projekte hervor.

Agiles Vorgehen stellt die Mitarbeiter und die Zusammenarbeit in Teams in den Vordergrund. Dabei geht es darum, dass Mitarbeiter so selbstständig wie möglich arbeiten, gemeinsam Ergebnisse erzielen und Entscheidungen treffen, die dem Fortschritt des Projektes dienen. Studien zeigen, dass die Mitarbeiterzufriedenheit in agilen Projekten signifikant steigt. Agil arbeitende Teams sind deutlich produktiver als nicht agile [Cohn 2010]. Durch Selbstorganisation kann jeder Mitarbeiter seine eigene Kreativität und Erfahrung einbringen. Letztendlich wird das Ziel weniger durch den Prozess als vielmehr durch die Individuen erreicht [Highsmith 2010]. Die strikte Abgrenzung klar definierter Rollen und Verantwortlichkeiten trägt zudem dazu bei, dass die Zusammenarbeit effektiv gestaltet wird und Entscheidungen zügig getroffen werden können. Gerade auch dann, wenn Synergien zwischen den IT- und Fachabteilungen erzeugt werden müssen oder eine enge Zusammenarbeit gefordert ist.

Agilität erhöht die Wirtschaftlichkeit von IT-Projekten, wodurch Wettbewerbsvorteile generiert werden können [Wieczorrek, Mertens 2011]. Vermeintlich sind agile Methoden zu Beginn eines Projektes kostenintensiver. Sie benötigen eine intensivere Planungszeit. Weil sie oftmals neuartig sind, müssen Mitarbeiter entsprechend geschult werden. Dabei bringt konsequent iteratives Vorgehen im Verlaufe des Projektes Kostenvorteile. Durch schrittweise Zielerreichung können gemäß agiler Werte innerhalb des Entscheidungskorridors Anforderungen umgestellt und Ziele neu definiert werden. Das Risiko späterer kostenintensiver Anpassungen aufgrund schlechter Anforderungen kann somit verringert werden, was im weiteren Verlauf Kosten spart. Des Weiteren visualisiert iteratives Vorgehen das Erreichte im Projekt. Die Projektleitung erhält somit schneller einen Überblick über die möglichen Projektrisiken und den Fortschritt des Projektes. Das erleichtert die Entscheidung über weitere Interventionen.

Agiles Projektvorgehen erwartet auch ein hohes Maß an Methodenkompetenz und Social Skills seitens der Projektleitung und Vorgesetzten [Oestereich, Weiss 2008]. Ebenfalls haben die Kompetenzen der Mitarbeiter ein hohes Gewicht bei der Durchführung von Projekten [Highsmith 2010]. Beispielsweise erfordert u. a. der Umgang mit Risiken in agilen Projekten ein gewisses Maß an Erfahrung und Methodensicherheit.

Letztendlich hängt der Einsatz agiler Prozesse und Methoden vom individuellen Projekt ab. Trotzdem wird die Berücksichtigung agiler Werte und Prinzipien gewinnbringend für jegliche Art von IT-Projekten sein. Und zu einer Notwendigkeit wird sie meines Erachtens gerade dann, wenn Projekte – wie in der gesetzlichen Krankenversicherung – vor dem Hintergrund des beschriebenen Spannungsfeldes aus Kosteneinsparungen, Qualitätserhöhungen, Kundenzufriedenheit und regulatorischen Anforderungen durchgeführt werden müssen.

Das Anwendungsgebiet der agilen Vorgehensmodelle geht also über die reinen Softwareentwicklungsprojekte hinaus. Persönlich finde ich den Einsatz für die Krankenkassen spannend und vor allem für diese lohnend. Teilen Sie meine Betrachtungsweise? Haben Sie bereits Erfahrungen sammeln können? Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Quellen:

Cohn, Mike (2010): Succeeding with agile. Software development using Scrum. 2. Aufl. Upper Saddle River, NJ: Addison-Wesley (The Addison-Wesley signature series).

Eul, Marcus; Röder, Holger; Simons, Edgar (2009): Strategisches IT-Management. Vom Kostenfaktor zum Werttreiber. In: Frank Keuper, Marc Schomann und Klaus Zimmermann (Hg.): Innovatives IT-Management. Management von IT und IT-gestütztes Management. 2. Aufl. Wiesbaden: Betriebswirtschaftlicher Verlag Gabler, S. 55–69.

Hanser, Eckhart (2010): Agile Prozesse: von XP über Scrum bis MAP. Berlin [u.a.]: Springer (eXamen.press).

Highsmith, James A. (2010): Agile project management. Creating innovative products. 2. Aufl. Upper Saddle River, NJ: Addison-Wesley (The agile software development series).

Meckel, Anne-Katrin (2010): Strategisches Management bei gesetzlichen Krankenkassen. 1. Aufl. Wiesbaden: Springer Fachmedien (Gabler Research).

Moos, Gabriele; Brüggemann, Frank (2010): Informationsmanagement und Controlling in Krankenversicherungen. In: Reinhard Busse, Jonas Schreyögg und Oliver Tiemann (Hg.): Management im Gesundheitswesen. 2. Aufl. Heidelberg: Springer, S. 343–355.

Reile, Anke (2007): Gestaltungsoptionen von Krankenkassen bei staatlichen Systemvorgaben. Univ, Berlin, Mannheim.

Oestereich, Bernd; Weiss, Christian (2008): Agiles Projektmanagement. APM ; erfolgreiches Timeboxing für IT-Projekte. 1. Aufl. Heidelberg: Dpunkt-Verl.

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Maik Howorka Maik Howorka ist Consultant in der Line of Business Health. Im Rahmen seiner Masterarbeit im Studiengang „Management im Gesundheitswesen“ hat er den Einsatz agiler Prozesse und Methoden in der Krankenversicherung untersucht und Handlungsfelder identifiziert, Agilität für Krankenkassen nutzbarer zu machen.
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